Paroli Netzmagazin

Unsere europäischen Freunde in Antalya

Dezember 11, 2006 · 8 Kommentare

Es gibt Tage, da lese ich viele Nachrichten, und immer wieder verstehe ich weder Medien noch Politik. Sicherlich geht es dem einen oder anderen Leser genauso, man sitzt da und denkt „Nein, das kann so doch nicht wahr sein“, und genau so einen Fall hatte ich heute im Laufe des Tages mal wieder. Auf meiner Suche nach Zerstreuung las ich einige Artikel in verschiedenen Medien über den EU-Beitritt unserer türkischen „Landsleute“, wie man ja heute schon fast sagen kann. Nunja, ich bin was das angeht schon ziemlich abgebrüht. Ich lese jeden Tag viele Nachrichten, selten jedoch mache ich den Fernseher an, und natürlich kam es wie es kommen mußte. Ich blieb auf Phoenix hängen und konnte Frau Claudia Roth bei ihren schönen Äußerungen über die netten, türkischen Nachbarn zuhören. Arbeitsplätze für uns Deutsche, kulturelle Bereicherung und wir helfen den armen Türken und so weiter, Grün eben. Aber hey, ich bin abgebrüht, ich weiß, dass Frau Roth etwas wirr ist, ich kann das einordnen, ich blieb entspannt.

Verschiedene Befürworter eines Beitritts der Türkei führen die wirtschaftliche Bedeutung des Landes ins Feld und wie wichtig es gerade für uns als Exportland sei, die Türken in der europäischen Union zu haben. Das bringt Arbeitsplätze, so wird uns suggeriert. Außerdem wären dort ideale Produktionsbedingungen zu günstigen Löhnen, billige Arbeiter würden in der EU gebraucht und sichern nicht zuletzt unsere teuren Arbeitsplätze. Doch was ist eigentlich mit Fakten?

Wirtschaftlich ist die Türkei ein Zwerg, denn die Wirtschaftsleistung des gesamten Landes mit seinen immerhin gut 70 Millionen Einwohnern kommt nichtmal an das Bruttoinlandsprodukt von Baden Würtemberg heran und steht bei nichteinmal zwei Dritteln des krisengeschüttelten NRW. Und seien wir mal ehrlich, man müßte ein ernstes Problem mit der Realität haben, würde man eine Wirtschaftskraft vom Rang eines größeren, deutschen Bundeslandes als unverzichtbar für die EU bezeichnen. Egal, dann befriedigt die Türkei sicherlich mit ihren bestens ausgebildeten Fachkräften die Übernachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften in den EU Ländern! Nun, das war natürlich ein Spass und eine nicht so ernst gemeinte Frage. Natürlich gibt es in einem Land, in dem alte Greise völlig legal 9 jährige Mädchen heiraten dürfen, wo man mit dem Esel zur Arbeit aufs Feld zieht, wo man … Na jedenfalls gibt es dort nichtmal genügend Fachkräfte, um die notwendigsten Verwaltungsaufgaben zu erledigen.

Aber wenn die Türkei doch eine positive, wirtschaftliche Wirkung auf die EU haben soll, dann hat sie sicherlich eine konkurrenzfähige Industrie, die fleissig Steuern ins Säckel der Regierung und letztendlich auch in das der EU bringt – und am Ende gar den Nettozahler Nummer eins etwas entlastet, oder? Ach, ich glaube manchmal ich schreibe zuviel naives Zeugs… Natürlich gibt es außer den Branchen, die auch in China, Afrika oder sonstwo blühen dort ebenfalls nichts. Viel Landwirtschaft, die dann ebenfalls Förderung erhalten würde, eine marode Textilindustrie, viel Tourismus und eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes, so spotten Kritiker, seien die Überweisungen der in Deutschland lebenden Türken in die Heimat. Machen wir uns nichts vor …

Werden denn dann nicht trotzdem deutsche Arbeitsplätze in einem grenzenlosen Europa in die Türkei verlegt? Nein, da brauchen Sie keine Angst haben, die Türkei ist absolut nicht konkurrenzfähig, und die Jobs gehen eher nach China oder Osteuropa, nicht in die Türkei. Was allerdings sehr realistisch wäre ist, daß eine weitere Welle frischer „Gast“-Arbeiter aus Anatolien über uns schwappt und den Lohndruck auf die ohnehin schon katastrophalen Niedriglohn-Jobs weiter verstärkt. Sinkende Löhne als Folge des gewachsenen Angebots an Arbeit wären mit gewisser Wahrscheinlichkeit die Folge.

Dann können wir ja nur noch vom Handel mit der Türkei profitieren, mehr bliebe ja nicht mehr. Aber wer weiß, daß die Türkei schon lange ein Abkommen mit der EU gebildet hat, das einseitige Vorteile für die Türkei bietet, in der Gestalt, dass die Türkei die EU Zölle einfach behalten darf, und zwar ohne Gegenleistung, wird sofort sehen, daß eine Aufnahme der Türkei in die EU nicht einen einzigen Vorteil im Bezug auf Im- und Export von Waren hat.

Also halten wir fest: Wirtschaftlich ist in dem Agrarland Türkei außer Baumwolle und Oliven nichts zu holen, und außer ungelernten Kräften die wir ohnehin schon im Überfluß haben wird auch nichts Gutes von dort kommen. Dann muß aber die kulturelle Bereicherung derartig bemerkenswert sein, daß … Ach, wir brauchen ja nicht auf dieses Versprechen zu warten, wir können es ja schon Tag für Tag begutachten, und dafür brauchen wir nicht nach Neukölln oder Kreutzberg. Gehen Sie mal vor die Tür, in die Stadt usw. Da haben Sie die kulturelle Bereicherung dann handfest vor bzw auf ihrer Nase. Na wunderbar.

Was denn nun? Wirtschaftlich nix, kulturell nix, ja was denn nun? Der einzige Grund, aus dem die Türkei auch nur im Entferntesten von „Bedeutung“ sein könnte ist, daß sie als Transitland für Öl aus dem Kaukasus taugt, und wer davon profitiert, dürfen Sie – verehrter Leser – sich gerne selbst überlegen. Ich sage Ihnen aber als kleine Hilfe wer nicht davon profitiert, und zwar wir. Den Ärger mit den sinkenden Löhnen, den Anatolen die aus dem Mittelalter in die Neuzeit geschleudert wurden und sich nun in Mitteleuropa gefallen haben auch wir, und nicht irgendwelche Poltiker oder Erdölprofiteure. Warum die Politiker und Medien trotzdem so eindeutig gegen unsere Interessen handeln? Zählen Sie eins und eins zusammen …

Kategorien: Ausland · Inland · Wirtschaft

Israel blockiert UN Mission

Dezember 11, 2006 · 5 Kommentare

Man möchte fast meinen, die den Griechen entsprunge, westliche Logik seie dichotomisch und konträr. Im Prinzip werden weltpolitisch betrachtet zwei Unterscheidungen gemacht – es wird präsumiert, dass wenn man nicht auf der Seite von A steht, man automatisch auf der Seite von B steht – eine Annahme, die so nicht zu Akzeptieren ist. Dennoch – und dazu muss man nur aktuelle Debatten des weltpolitischen Geschehens verfolgen – ist zu bedauern, dass trotzalledem nach diesem uralten Prinzip der Denkfaulheit verfahren wird.

Doch worauf will ich mit dieser grundsätzlichen Veranschauung eigentlich hinaus? Die Frage lautet, darf man Israel kritisieren? Für die Linken in Deutschland ist die Antwort auf diese Frage durch das beinahe religiöse Allerweltsdogma namens Holocaust unbeantwortet ad acta gelegt worden. Steht man also automatisch auf der Seite von A, in diesem Fall Links, sollte man sich einer Kritik Israels entziehen? Und steht man für den Fall, Israel gegenüber eine eher kritische Stellung zu beziehen, dann folglich auf der Seite von B, nun also rechts?

Dabei gibt es gerade in Zeiten des Nahost-Konflikts allen Grund dazu, die Vorgehensweisen Israels zu hinterfragen. Ich frage mich deshalb, welches Interesse könnte Israel haben, die UN-Mission des südafrikanischen Nobelpreisträgers Desmond Tutu wissentlich zu blockieren? Freilich, die Mission setzte sich zum Ziel, Aufklärungsarbeit im Fall der 19 durch israelisches Militär getöteten Palästinenser in der Stadt Beit Hanoun nördlich von Gaza zu leisten, doch welches Ergebnis hätte Israel zu befürchten, dass man Desmond Tutu gar ein Reiseverbot erteilte? Der offizielle UN-Sprecher, welcher sein Bedauern über diese feindseelige Haltung Israels zum Ausdruck brachte, fügte zudem hinzu, dass dies nicht die erste Mission der UN gewesen wäre, welche Israel blockiert hätte.

Nachdem man das Massaker in Beit Hanoun bereits letzten Monat verurteilte, war das ursprüngliche Missionsziel, offizielle Untersuchungen anzustellen. Bei dem Massaker am 8. November durch das isralische Militär wurden hauptsächlich Frauen und Kinder grausam hingerichtet. Der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Mark Regev, begründete das abweisende Verhalten seiner Regierung damit, dass mit dem Ergebnis der Untersuchung „anti-israelische“ Propaganda betrieben werden würde. Eventuell findet Herr Regev ja einen Untersuchungsausschuss, welcher dem Massaker noch etwas positives abgewinnen kann, damit Israel wenigstens nicht ganz so schlecht aussieht. Wollen wir ihm viel Glück dabei wünschen.

Ist es nicht eine traurige Entwicklung, dass die Ermordung eines russischen Ex-Spions weltweites Aufsehen erregt und CIA, FBI und weiß der Kuckuck auf den Plan ruft, währenddessen die grausame Hinrichtung von 19 Palästinensern und israelische Apartheid nichteinmal eine Erwähnung in der Klatschpresse wert sind? Ist es nicht ebenfalls fraglich, weshalb sich eine solch angeblich mächtige Organisation wie die UN nicht über ein „Nein“ Israels hinwegsetzen kann? Sind dies nicht alles deutliche Anzeichen dafür, dass das Denken und Handeln der Menschen noch immer in den Fesseln des Holocausts liegt? Man sollte anfangen, sich von diesen Ketten zu lösen.

Quelle: Aljazeera

Kategorien: Ausland