Die Tatsache, dass Unternehmen intentional versuchen ihre Interessen in gesetzgebende Verfahren einzubringen, hat durch eine Reportage der Sendung „Monitor“ des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ungeahnte Größe angenommen. So kam man laut eigener Aussage einer völlig neuen Form des Lobbyismus auf die Spur, deren wahren Dimensionen man nur mutmaßen kann. Ich schlage für folgenden Sachverhalt die metaphorische Bezeichnung „politischer Voyeurismus“ vor.
So musste man laut Monitor im Zuge der Berichterstattung feststellen, dass in fast allen Bundesministerien „Leiarbeiter“ aus den größten und einflussreichsten, deutschen Unternehmen tätig sind. Sie sitzen „Tür an Tür mit Beamten“, schreiben gar „an Gesetzen mit“ und werden „von der Wirtschaft bezahlt“, so Monitor. So ist unter anderem von Siemens, Daimler Chrysler, der Lufthansa und der Deutschen Bank die Rede, welche die ihnen jeweils nahestehendsten Ministerien mit für sie tätigen Lobbyisten unterwandert haben sollen. Laut Monitor sollen es insgesamt über 100 Mitarbeiter sein, die für Industrie und Verbände in den Bundesministerien tätig sind.
Erschreckend dabei ist auch die Haltung der Bundesregierung Monitor gegenüber, die anfang August auf Anfrage lediglich von „einzelnen Leiarbeitern“ sprach, danach jedoch die Befürchtungen, es handle sich um weitaus mehr als 100, bestätigte. So standen vor allem im Bundeverkehrsministerium seit Jahren die Türen für Lobbyisten „weit offen“ – wie Monitor an einem existenten Fallbeispiel feststellte auch für einen Mitarbeiter von Daimler Chrysler, welchen man seitens der Bundesregierung gegenüber den Parlamentariern sowie Monitor jedoch komischerweise verschwieg. Laut Recherchen hatte besagter Mitarbeiter 2002 einen eigenen Schreibtisch im Ministerium sowie Zugang zu internen Dokumenten. Dies bestätigte auch Politologe Niels Ehlers, welcher dem Lobbyisten von Daimler Chrysler im Ministerium gegenübersaß. So lies er sich laut Aussage Ehlers desöfteren speziell für den internen Gebrauch ausgewiesene Dokumte zukommen, habe diese „kopiert“ und „offensichtlich auch mit nach Hause genommen“.
Wie Monitor feststellte, war der im Bundesverkehrsministerium tätige Mitarbeiter von Daimler „kein gewöhnlicher“, sondern „Leiter der Abteilung Konzernstrategie / Verkehrspolitik“. Anhand eines dem Ausmaß eine neue Gestalt gebendem Beispiel bezüglich der LKW Maut zeigt Monitor auf, welch ausübende Macht dabei von einem einzelnen Lobbyisten augehen kann. So saß besagter Abteilungsleiter im April und Mai 2002 im Verkehrsministerium, als dort genau zu diesem Zeitpunkt der Milliardenauftrag für die LKW-Maut vergeben wurde. Natürlich gehörte dabei auch Daimler Chrysler zu einem Bewerberkonsortium und zu ausbleibender Überraschung bekam dieses letzendlich den Auftrag.
In einem zweiten Beispiel benennt Monitor einen bekannt gewordenen Fall im Gesundheitsministerium, in welchem ein für die Deutsche Angestelltenkrankenkasse tätiger Mitarbeiter mit eigenem Büro und Kopierer wieder „nicht für die Öffentlichkeit gedachte“ und „streng vertrauliche“ Informationen und Unterlagen an seinen wirklichen Arbeitgeber weitergab. Volker Beck von den Grünen stellte in einem Interview mit Monitor richtigerweise fest, dass wenn es sich tatsächlich als richtig erweisen sollte, „dass Presse wie Parlament unrichtig unterrichtet wurden und womöglich sogar vorsätzlich“, es sich um einen handfesten Skandal handeln würde, welcher meines Erachtens in der Größenordnung einer Watergate-Affäre anzusiedeln wäre, in welcher es größtenteils ebenfalls um Missbrauch von Regierungsvollmachten und Lobbyismus ging.
Der Bundesrechnungshof wurde zwar bereits informiert und hat auch erste Untersuchungen eingeleitet, ist jedoch nach Bekanntwerden dieser neuen Form von Lobbyismus meiner Meinung nach ebenfalls nicht völlig von Neutralität freizusprechen, bleibt doch nun ein übler Nachgeschmack, dass Unternehmen und andere Interessengemeinschaft dort ebenfalls ihre Mitarbeiter haben könnten. So gestand die Bundesregierung ein, dass bereits 4 externe Mitarbeiter direkt in der Gesetzgebung involviert sind, zwei weitere seien sogar als Referatsleiter tätig, laut Monitor also „weit oben in der Entscheidungskette“.
Somit steht fest, dass bestimmte Industriezweige, Firmen, Verbände oder sonstige, womöglich auch religiöse Interessengemeinschaften, direkte Einwirkung auf legislative Entscheidungsprozesse besitzen und so unmittelbar politische Rahmenbedingungen steuern können. Ich denke ich bin nicht der einzige der vermutet, dass mit diesem Bericht von Monitor lediglich die Spitze eines Eisbergs freigeschaufelt wurde. Ich möchte nicht wissen, wie lobbyistisch durchwandert sämtliche Gremien, die komplette Beraterlandschaft der Ministerien und sonstigen Bundesanstalten, aber auch die „öffentliche Presse“ ist.
Schaut man sich die 691 Seiten(!) lange, sogenannte „Lobbyliste“ des Bundestags an (siehe Quellen), lässt sich leise Erahnen, wie groß der Eisberg sein mag. Die „öffentlichen Liste über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern„ wird jährlich im Bundesanzeiger veröffentlicht. Neben Sitz und Adresse des Interessenverbands sind dort zudem die Geschäftsführung sowie der Vorstand, die Mitgliederzahl, die Anzahl der angeschlossenen Organsiationen, ja sogar der „Interessenbereich“ kurz und knapp aufgelistet. Natürlich sind dort nur die öffentlichen tätigen Lobbyisten festgehalten, die Dunkelziffer dürfte weitaus interessanter sein.
Man kann anhand der USA, in welcher schon lange eine neue Art des Fundamentalismus herrscht, welcher sich aus trojanisch agierenden Interessenverbänden zusammensetzt, welche dem auf Kriegsfuß stehendem Staat dienlich gegenüber stehen und sogar von diesem selbst unterhalten werden, paradigmatisch erkennen, wie weit es kommen könnte, sollten sich Lobbyisten noch tiefer in die legislativen und dezidierenden Grundstrukturen der BRD festsetzen können. Die Konzerne, Manager und Vorstände sollten sich bewusst werden, wer tagtäglich zu immer schlechteren Bedingungen das Geld für die Superbonzen heranschafft und wer letztendlich die Konsumenten ihrer Produkte sind. Frägt sich, wem der Globalismus hier „wirklich“ nützt. Es wird Zeit, dass endlich einmal Lobbyarbeit für das Volk betrieben wird!
Danke an unseren aufmerksamen Leser „test„, der uns diese Information zukommen lies
Quellen: Bundestag Lobbyliste, WDR Monitor